Das Versprechen

„Es ist vollbracht.“. Etwas verwundert und
zugleich der eigenen logischen Überlegung und Abwägung
folgend, las L. die in kalligraphischer Form mit
schwarzer Tinte geschriebenen Wörter nochmals leise vor
sich hin, „Es ist vollbracht.“.
L. wusste genau, worum es ging, doch konnte sie den
Inhalt der Nachricht nicht fassen. Es war nicht das
Unvermögen des Verstandes, das die Begreiflichkeit der
Worte aushöhlte als vielmehr die Fassungslosigkeit über
die Tatsache, dass es soeben vollbracht war und eben
dieses Ereignis sich nicht erleben ließ.
Die Nachricht kam ihrer Meinung nach zu früh. Sie
zählte gerade den 5. Monat des Jahres, denn nach ihrer
Kenntnis sollte der Plan erst am Tag der bestandenen
Prüfung vollzogen werden.
Er hatte es ihr vor langer Zeit versprochen und L.
darum gebeten, sich in Geduld zu üben, „Wenn mein
Ruf ertönen wird, ist alles so, wie man es sich
vorstellte!“, sagte er.
Der Brief kam unvorhergesehen, insgeheim aber hoffte L.
auf jene avisierte Antwort, ohne es ihm gegenüber
jemals offengelegt zu haben. Doch den Erfahrungswerten
entsinnend, konnte L. seinen Worten keinen Glauben
schenken. Zu oft hörte sie leere Versprechungen, die in
regelmäßiger Wiederkehr lediglich einen bitteren
Nachgeschmack hinterlassen haben. Enttäuschung und
Resignation blieben als letzte Trümmersteine des
Verfalls übrig.
Der von ihm als „großer Plan“ titulierte
Ausbruch in die Ruhe, war in den Augen von L. nichts
weiter als der Verrat und die
Verzögerung der Umstände von L. Lebensqualität. Aber
davon wollte er nie etwas wissen und ließ ihre Bedenken
und Zweifel stets unkommentiert.
Die Zeit näherte sich dem Ziel, aber die Entfernung
zwischen L. und ihm wurde immer größer…

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